Wie porträtiert man einen Menschen?

Eine Frage, die man sich zwangsläufig stellt, wenn man Künstler und ihre Arbeiten im Rahmen eines Fotoprojekts vorstellen möchte. Vor allem, wenn man wie ich gerade erst damit anfängt, Menschen zu fotografieren.

Die naheliegende Antwort ist wahrscheinlich das klassische Porträt, bei dem das Gesicht, die Gestik, die Körperhaltung und der Ausdruck des Menschen im Fokus stehen.

Beim Gespräch mit Michal – der ersten Künstlerin, die ich für mein Projekt fotografiert habe – wurde mir allerdings schnell bewusst, dass es auch andere spannende Wege gibt, einen Menschen zu porträtieren.

„Willst du noch irgendetwas umräumen, bevor du anfängst zu fotografieren?“, fragte sie mich – als wir schon eine Weile geredet haben und feststellen, dass wir ja eigentlich auch noch Bilder machen wollten – und ich fragte erstaunt zurück: „Warum soll ich etwas umräumen? Mit meinen Bildern möchte ich dich porträtieren und dazu gehört ja auch, wie du deinen Arbeitsplatz gestaltest.“ Für mich war es, ohne dass ich das vorher reflektiert hatte, selbstverständlich, dass ich nicht in die Umgebung eingreife und Dinge umstelle oder verändere. In diesem Moment fing ich an darüber nachzudenken, warum das für mich so selbstverständlich war.

Muss ein Porträt den Menschen zeigen?

Die Erkenntnis, die dann folgte, wird erfahrene Fotografen wahrscheinlich nicht vom Hocker hauen, aber für mich war sie zu diesem Zeitpunkt sehr wertvoll, denn ich habe erkannt, dass man nicht unbedingt die Person fotografieren muss, um einen Menschen zu porträtieren. Oft sagt die Art und Weise, wie jemand seine Umgebung gestaltet genauso viel über diesen Menschen aus wie ein klassisches Porträt, das den Menschen zeigt.

Besonders aufgefallen ist mir das, als ich beobachtete, wie elegant Michal mit ihren Malutensilien arbeitet. Wenn sie ihren Pinsel anfeuchtet, taucht sie ihn zum Beispiel nur minimal in das Wasserglas und lässt dadurch interessante Formen im Wasser entstehen. Beeindruckt hat mich auch, wie sie scheinbar ohne darüber nachzudenken ihr Werkzeug mal parallel, mal symmetrisch anordnet. Diese Momente habe ich versucht festzuhalten und letztendlich waren es auch diese Bilder, die es in die Fotostrecke geschafft haben.

Beim Open Table haben wir länger darüber diskutiert, ob die Strecke nicht mindestens ein klassisches Porträt beinhalten sollte, und sind schließlich zu dem Schluss gekommen, dass die Fotoserie interessanter und schlüssiger wird, wenn man darauf verzichtet. Was aber (und das muss ich an dieser Stelle selbstkritisch anmerken) auch damit zusammenhing, dass es sich bei den „klassischen“ Porträt-Bildern, die ich mitgebracht hatte um die einzigen gestellten Bilder in der Serie gehandelt hat.

Wer gestaltet das Bild?

Ein weiterer spannender Diskussionspunkt war, dass die Bilder von Michal in erster Linie flächig und zweidimensional sind. Sie gehen nicht in die Tiefe, meine Fotos hingegen schon. Hätte ich die Künstlerin nicht auch entsprechend ihrer Art zu malen, eher in flächigeren Bildern porträtieren sollen?

Ich habe diese Frage für mich mit „Nein“ beantwortet, denn am Ende möchte ich, dass alle Fotostrecken aus dem Projekt „Künstler in Koblenz“ im Idealfall einen Wiedererkennungswert haben, weil sie alle auf eine ähnliche Art und Weise fotografiert wurden.

Es ist aber ein spannender und interessanter Gedanke, einen Künstler (vor allem wenn dieser selbst Bilder gestaltet) im Hinblick auf die Bildkomposition entsprechend seiner Werke zu fotografieren. Und es würde die Idee – dass man das Porträt eines Menschen weniger an seiner Person und vielmehr an seiner Umwelt und seinen Handlungen orientiert – noch einen Schritt weiterführen. Was denkt ihr?

 

Die Fotostrecke zeigt die Koblenzer Künstlerin Michal Friese. Mehr Infos zu Michal und weitere Fotostrecken aus meinem Projekt findet ihr auf meiner Website.

 

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Salome Weber


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